Was Hänschen nicht lernt, …?

„… lernt Hans“, findet Norma Loss. Zum Lernen ist niemand zu alt – und auch nicht, um sich auf die Suche nach den eigenen Wurzeln zu machen.

Norma meine über 80 jährige Schülerin

5 Minuten später als vereinbart und damit nicht ganz so pünktlich wie sonst ist Norma im Café, in dem wir uns verabredet haben. Wie jeden Donnerstag erscheint sie klassisch, elegant in Brauntönen gekleidet. Ihre Frisur sitzt perfekt. Obwohl sie vom Gehen etwas ausser Atem ist, strahlt sie die gewohnte Ruhe aus. Eine echte Señora eben. «Weißt du, ich habe die U-Bahnfahrkarte vergessen und musste wieder zurück nach Hause, um sie zu holen. Ich weiss nicht weshalb aber auf dem Weg hierher ist mir plötzlich ein Wort eingefallen: „gegessen“. Das ist das Partizip II von „essen“, richtig? Warum repetiert man denn dieses „ge“? Wäre „gessen“ nicht einfacher gewesen?»

Norma ist eine meiner Schülerinnen am Sprachinstitut in Buenos Aires. Die älteste, um genau zu sein und die weiseste von allen, wie ich manchmal scherze. «Ich bin ganze 50 Jahre älter als du», lacht sie. «Ein halbes Jahrhundert!», fährt es mir durch den Kopf. Auf meine Frage, weshalb sie sich mit 82 Jahren entschieden habe, Deutsch zu lernen, meint sie: «Ich wollte meinen Kopf arbeiten lassen. In meinem Alter kann man die körperlichen Probleme nicht umgehen aber der da, (sie tippt sich an den Kopf) sollte sich ein bisschen anstrengen. Und da Deutsch eine schwierige Sprache ist, habe ich mich im Kurs eingeschrieben. Etwas Einfaches zu lernen, interessierte mich nicht.» Mehrere lateinische Sprachen könne sie schon, diese seien einfach. Eigentlich hätte sie ja gerne Philologie studiert, da sie den Dingen gern auf den Grund gehe und beispielsweise wissen möchte, woher ein Wort kommt.

Verschiedene Studien zeigen auf, was Norma schon lange zu wissen scheint: Nämlich wie wichtig es ist, auch im Alter das Gehirn stets zu beschäftigen und zu trainieren. Dabei spielt es keine Rolle, womit – sei es Klavierspielen, Malen oder eben eine Fremdsprache lernen – Hauptsache man lernt etwas Neues. «Aber Deutsch ist schwierig», meint Norma. «Vor allem, weil ich nicht genug übe. Aber gestern und heute habe ich ein bisschen gelernt.»

Im Allgemeinen findet sie, mache man viel zu schnell vorwärts im Unterricht – deshalb hätte sie eine Stufe zweimal gemacht, um die Basis besser zu fixieren. «Wir brauchen etwas mehr Ruhe, um zu lernen… Jung und alt.» Mit Rhythmus und Reimen lerne sie gern, das helfe, wenn man eine Sprache lerne. Sie wisse, dass das Auswendiglernen heute etwas aus der Mode sei. Obwohl sie vor langer, langer Zeit Italienisch gelernt habe, könne sie sich aber bis heute noch an den Eintritt ins Höllentor von Dante erinnern, den sie damals auswendig gelernt hatte. Und schon rezitiert sie mit Inbrunst: «Per me si va nella città dolente… Ich bin eben eine geborene Schauspielerin, meine Liebe!»

Mit Norma zusammen im Kurs sind vier Studenten, die sich in den Zwanzigern befinden, eine 30 jährige Biologin und ein SAP-Spezialist in den Mittdreissigern. Oft machen wir Gruppen- und Partnerarbeiten, in denen man zusammen eine Aufgabe löst und sich austauscht. Auch in den Pausen wird viel diskutiert und gelacht – nicht selten über Deutsch – das verbindende Element. In einer Lektion sprechen wir über Musik und so kommt es, dass Norma zum ersten Mal Elektronische Musik hört – «Lustig», findet sie lachend. Sie bleibe jedoch lieber beim Tango. Im Gegenzug gibt sie immer wieder mal eine Anekdote „von früher“ zum Besten. Mit Mails und Internet & Co. hat Norma keine Probleme, da sie ja auch ganz schön viel Zeit vor diesem Apparat sitze. Schade findet sie, dass es auf Netflix nicht so viele deutsche Filme gibt.

Dass sie nicht neugierig und offen für Neues sei, kann man Norma nun wirklich nicht vorwerfen. Laut Soziologen, eine der besten Voraussetzungen für gutes Altern. Genauso wie eine wirtschaftliche Absicherung, ein stabiles Sozialleben und moderate Aktivitäten.

Auf die Frage hin, wie sie sich im Kurs fühle, wird Norma ernst. «Manchmal fühle ich mich etwas schuldig, weil ich lieber mit Jungen als mit Alten zusammen bin. Und dabei bin ich ja auch eine Alte, verflucht noch mal…» Aber sie arbeite eben lieber mit Jungen zusammen. Da fühle sie sich super. Wenn sie dann im Himmel sei, meint sie und zeigt mit dem Finger nach oben, dann würde man eben mit ihr abrechnen.

Als ich sie auf ihren deutschen Nachnamen anspreche, erzählt sie mir ein ganzes Stück Familiengeschichte. Die Familie ihres Vaters stamme aus dem Tirol. Dort heisst es, seien sie in einer ganz guten ökonomischen Position gewesen. «Mein Grossvater verliebte sich jedoch in eine Hausangestellte und da dies zu jener Zeit von der Familie nicht akzeptiert wurde, flohen sie über die Alpen nach Genua. Von dort aus nahmen sie ein Schiff nach Brasilien, wo sie während mehrerer Jahre im Kaffeeanbau tätig waren. Ein paar meiner Tanten und Onkel kamen dort auf die Welt. Eines Tages kehrten sie jedoch, nachdem sie etwas Geld gemacht hatten, nach Italien zurück. Mein Vater wuchs in der Region um Vicenza auf und machte dort auch den Militärdienst. Als er um die Dreissig war, kam er nach Argentinien. Hier lernte er meine Mutter kennen, die Tochter von italienischen Einwanderern war – eine Bianchini. In Buenos Aires führten sie eine Metzgerei.»

Eine Migrationsgeschichte, wie es sie in vielen Familien Argentiniens anzutreffen gibt. Zwischen 1850 und 1950 schifften sich tausende und abertausende Europäer im Hafen von Genua ein. Vor allem Italiener aber auch Spanier, Franzosen, Deutsche und Schweizer kamen, so wie Normas Vorfahren, mit der Hoffnung auf eine bessere Zukunft in das südamerikanische Land. Wenn man die Namenslisten in den Sprachkursen durchgeht, wird man sich dieses riesigen Migrationflusses bewusst. Viele meiner Schüler und Schülerinnen lernen beispielsweise Deutsch oder Italienisch, um ihre Wurzeln besser kennen zu lernen, um einen Kontakt zu Verwandten in Europa wieder herzustellen und etwas über ihre Familiengeschichte zu erfahren. Auch Norma meint: «Weißt du, ich möchte etwas besser Deutsch lernen, um wenn ich nach Europa reise, etwas verstehen zu können. Es gibt ein Dorf im Tirol, da sollen ganz viele Loss leben und ich möchte mit meinen entfernten Verwandten sprechen können.»

Als ich sie um ein paar Worte bitte, die andere ältere Leute dazu ermutigen sollen, eine Sprache zu lernen, meint sie: «Einen Tipp für die Alten? Es ist absolut notwendig, je älter wir werden den Intellekt zu trainieren auch wenn wir unseren Körper nicht mehr so gut bewegen können. Denn was gibt es besseres, als mit einem klaren Verstand zu sterben? Ist das genug? Sonst kann ich noch lange weiter sprechen», lacht sie. Doch es ist schon spät – in 20 Minuten beginnt der Deutschkurs. «Moment, lass es mich auf Deutsch sagen!» Konzentriert schaut Norma auf ihre Uhr und formuliert jedes Wort langsam auf Deutsch: «Es ist 20 vor 6.» Als wir gemeinsam die drei Stöcke in Richtung Klassenzimmer hinaufsteigen und sie sich nicht ein bisschen darüber beklagt, dass es keinen Lift im Gebäude gibt, denke ich mir, dass wir alle noch viel von und mit Norma lernen können.

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